Das „Haus Am See“

Als wir im Feriencamp ankamen, das sich Haus am See nannte, wurde mir blitzartig klar: Die Busfahrt war nur der Anfang, es würde noch schlimmer kommen. Der Bus fuhr durch ein rostiges Eisentor in ein umzäuntes Gelände, einen holprigen Weg entlang, durch einen verwilderten Park und hielt dann auf einem moosbewachsenen Platz vor einer brüchigen Fassade. Was war das? Ein Sanatorium kurz vor dem Abriss? Eine baufällige Pension?

Innen sah es noch übler aus, als die Außenfassade erwarten ließ. Möbel wie aus dem Sperrmüll, überall Staub und Schmutz, abblätternder Verputz, ein Gestank nach Moder und Fäulnis. Sobald wir mit unserem Gepäck drinnen in einem finsteren Vorraum standen, schloss einer der Aufpasser das Portal ab und steckte den Schlüssel ein. Dem Begriffsstutzigsten wurde bald klar, wir waren isoliert, von unserer vertrauten Welt abgeschnitten. War man einmal im Haus, kam man nicht mehr heraus. Alle Fenster waren vergittert, die Türen nach draußen verschlossen. Es sah so aus, als müssten wir auf Gedeih und Verderb unsere Sommerferien, sechs Wochen, sechs lange Horrorwochen hier durchstehen.

Nur ganz am Anfang ließen uns die Aufpasser für eine kleine Weile im Haus toben. Einige unterhielten sich, andere lachten. Zwei, drei rauften, veranstalteten eine kleine Prügelei. Wieder andere inspizierten das Haus. Wenige Stunden dachten wir, es sei alles gar nicht so schlimm. Dann schimpften die Vier Aufpasser aber jeden Einzelnen so aus, dass wieder diese unheimliche Ruhe eintrat. Angst breitete sich aus. Angst vor Bestrafung.

Und wie sich herausstellen sollte, war das keine unbegründete Angst: Während wir nichts Böses geahnt hatten, hatten sie unser Gepäck gefilzt, hatten uns Scheren Feilen, andere Gegenstände aus Metall und gemeinerweise auch unser Essen, Süßigkeiten und Powerdrinks weggenommen. Ich verstand den Grund für all das nicht. Wieso war ich hier? Und warum waren die Aufpasser so gebieterisch und angsteinflößend? Noch konnte ich ja nicht ahnen, welche Ungeheuerlichkeit hinter all dem steckte…

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